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DO SOMETHING ELSE

3/ Warum Mafia Killer neben mir besser abschnitten

By 10. June 20161 Guatemala, Allgemein
3.Artikel_Bild

Die Eingebung ließ dann auch nicht lange auf sich warten.
„Ich würde gerne Spanisch lernen und Salsa tanzen“, schoss es mir durch den Kopf. Spanisch wollte ich schon seit dem Urlaub mit meinem Freund in Ecuador lernen.

Ein wundervoller Backpacker-Urlaub, der nur davon getrübt worden war, dass wir von einer Bande überfallen wurde. Es war kein schönes Gefühl, selbst ein Messer am Hals zu haben und wie paralysiert, auf die Waffe am Kopf meines Freundes zu starren. Um uns klar zu machen, dass das kein Spaß ist, wurden wir zusätzlich mit Macheten bedroht. Und das auf offener Strasse; nicht etwa in einer dunklen Gasse. Und natürlich genau an dem Tag, an dem ich die Pässe – wir waren grade auf der Bank gewesen – nicht unter der Kleidung trug, sondern im Hip Bag. Das verschwand dann mitsamt meinem Rucksack um die Ecke. Der meines Freundes war zu schwer für die Halbstarken. Gut. Wer keine Muskeln hat, hat eben Waffen. Reicht ja.
Da im Land grade Streik herrschte, brauchten wir nicht lange, um zu einem Militärposten zu kommen. Dort erklärte mein Freund, der als Halb-Equadorianer Spanisch sprach, drei sichtlich gelangweilten Militär Polizisten, was passiert war. Ich schaute mir das ca. zwanzig Minuten an, (während derer unsere Pässe wahrscheinlich schon dem örtlichen Mafiaboss übergeben wurden) und raunte meinem Freund zu:

„Biete ihnen 50 Dollar, wenn Sie meinen Rucksack und die Pässe zurück holen“.

„Spinnst du?“ meinte der Lebensabschnittsgefährte.

„Ok, biete ihnen 100 Dollar.“

„Hallo? Bist du naiv? Das ist die Polizei. Das ist Bestechung.“

„Hallo? Bist du naiv? Das ist Lateinamerika.“

Um die Sache kurz zu machen: Sie holten uns die Pässe zurück.

Warum wir am Ende noch zum deutschen Botschafter, auf dem Anhänger eines Öllasters fuhren, führt hier etwas zu weit und ist eine andere Geschichte.

Also Abenteuer sollte auch wieder dabei sein. Im Nachhinein redet man sich so was ja gerne schön. Außerdem kann man sich damit auf Partys interessant machen. Es hat ja jeder so sein Ding, mit dem er sich abhebt. Das neue Auto, die teure Uhr, der witzige “tweet”, das Designerkleid, die Babyfotos, der Überfall, bei dem man hätte draufgehen können.

Was noch? Etwas Sinnvolles tun. Das war ein Gedanke, der mir morgens um drei beim Pappenkleben in der Agentur öfter durch den Kopf gegangen war. Ich arbeite in einer Branche, in der alleine die USA pro Jahr ca. 160 Milliarden Dollar in Werbung für Produkte steckt, die die meisten Leute ohnehin kaufen würden. Von den abgeholzten Bäumen für die Werbemittel gar nicht zu reden. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich mochte meinen Job, denn ich liebe es, kreativ zu sein, aber manchmal hatte ich das Gefühl, dass ein Mafia Killer in der Gesamtbilanz neben mir besser abschneiden würde.

Falls Sie sich fragen, was aus meiner Knochenmarksspende wurde: Ich wusste, dass die Chance, helfen zu können, nur bei vier Prozent lag und ein paar Tage später kam auch die Nachricht, dass ich als Spender nicht in Frage käme. Da draußen gab es irgendwo jemanden, der jetzt wahrscheinlich sterben würde, weil irgendeine blöde Komponente in meinem Blut nicht passte.

Es machte mich wütend, vor allem auf mich selbst. Hier saß ich und grübelte, was ich mit mir anfangen sollte und ob ich überhaupt reisen sollte. Und irgendwo lag jemand im Krankenhaus, der vermutlich keine Sekunde Bedenkzeit bräuchte, bekäme er er oder sie die Chance. Jemand ganz weit oben hatte mir gerade wieder einen Tritt verpasst, mit meinem Leben etwas anzufangen. Warum machen wir uns immer Gedanken darüber, ob es ein Leben nach dem Tod gibt? Wir haben oft noch nicht mal eines davor.

Ich hatte also schon drei Punkte auf meiner Liste: In einem Hilfsprojekt arbeiten, Spanisch lernen und Salsa tanzen. Aber wo?

Ich begann zu googeln und kämpfte mich durch eine Flut von Internetseiten und widmete dem Erfinder des Internet einige kurze, dankbare Gedenksekunden.

„Work and travel“, las ich. „Arbeiten im Ausland mit oder ohne Sprachkurs. Sie arbeiten mit Menschen aus aller Welt zusammen, knüpfen beim Jobben unkompliziert Kontakte und können mit dem selbstverdienten Geld unabhängig reisen.“ Aha, das klang ja gut. Ich klickte mich durch die verschiedenen Länder. Das gab es nicht nur in Südamerika, sondern überall auf der Welt, USA, Australien, Neuseeland. Ich hatte das Gefühl, ein kleines Mädchen in einem Süßwarenladen zu sein, das von den Leckereien in den Regalen schier überwältigt wurde. Wofür sollte man sich entscheiden?

Nach stundenlangen Recherchen sprang mir ein Wort ins Auge: „Tikal“. Ich hatte mich als Teenager für die Mayas und die Aztekenkultur interessiert und gelesen, was mir in die Finger kam. Tikal ist eine antike Stadt der Maya, eine der bedeutendsten Städte der klassischen Maya-Periode, eine der am besten erforschten Maya-Städte, in den Regenwäldern des Petén gelegen, in … tataaa: Guatemala. Das war es.

Ich würde nach Guatemala reisen und in Antigua, einer alten, wunderschönen Kolonialstadt mit ca. 75 Sprachschulen Spanisch lernen. Eine Gastfamilie und ein Hilfsprojekt wollte ich mir vor Ort selbst suchen und auch dort entscheiden, wohin ich noch reisen wollte. Organisiertes mag ich nicht und Reiseerfahrung hatte ich schließlich schon genug – wenn auch nie alleine – gesammelt.

Blieb nur noch, alles zu planen und die frohe Botschaft zu verkünden, denn so aufgeregt wie ich über meinen Entschluss war, hätte ich das keinen Tag für mich behalten können. Und wenn mein Leben davon abgehangen hätte.

So kam es, dass mir meine Freundin die Zukunft halbwegs zutreffend orakelte.

„Du triffst bestimmt so einen Crocodile Dundee und bleibst in Australien“ sagte Claudi und angelte nach den Keksen. Ich hatte ihr von meinen Reiseplänen erzählt, nachdem wir ausreiten waren und bei ihr gemütlich auf der Couch saßen um aufzutauen, weil sich die obligatorischen zwei Wochen deutscher Sommer bereits verabschiedet hatten. Ein Grund mehr aus Deutschland zu verschwinden.

Hätte ich damals gewusst hätte, wie verdammt nah sie der Wahrheit kommt, hätte ich nicht laut herausgelacht, sondern hätte ihr umgehend den Kaffeesatz vor die Nase gehalten um zu erfahren was in den geplanten acht Monaten in Zentralamerika, und Australien auf mich warten würde. Vermutlich hätte sie auch gesehen, dass es mehr Ziet werden würde.

„Hast du es schon deinen Eltern erzählt?“ fragte sie.

Ach je, natürlich nicht. Wie kommt es, dass man sich als erwachsene Frau noch davor gruselt, den Eltern zu erzählen, dass man sich für sechs Monate (so viel war anfangs geplant) quasi auf die faule Haut legt und die Abfindung in die Luft blasen will, und eventuell nicht mit dem Leben davon kommt? Zumindest nicht nach Ansicht meines Vaters.

Meine Mutter hatte mich immer unterstützt, sogar gegen meinen Vater, als ich damlas die Idee mit der Interrail-Tour hatte und meinen Eltern erklärte:

„Ich bin achtzehn, ihr könnt mir gar nichts verbieten.“

Schweigen.

„Aber ich nehme gerne unterstützende Geldspenden für das Vorhaben entgegen.“

Schon damals hatte meine Mutter gesagt: „Klar, nichts wie raus. Das erweitert den Horizont.“

Während mein Vater befürchtet das verkürze mein Leben statt irgendwas zu erweitern. Wir könnten ja so irre sein und am Strand schlafen, entführt werden und in einem Harem enden oder Schlimmeres. Am Ende vertrauten sie aber doch darauf, bei der Erziehung nicht völlig versagt zu haben.

„Das ist doch eine tolle Idee“, sagte mein Vater nun und reichte mir die Erbsen über den Tisch. Ich war zum Essen zu Besuch bei meinen Eltern.

„Eine neue Sprache ist immer gut. Auch beruflich.“
Wie immer hatte mein Papa meine Karriere fest im Blick, wobei ich nicht wusste, wie ich in meinem Job Spanisch anbringen könnte. Aber gut.

„Wo willst du denn überall hin?“, fragte meine Mutter, die Praktische (wir waren eine Art Kulturclash, die Designerin mit dem Auge für alles Schöne, was grundsätzlich von meiner Mutter mit dem Ausruf „Aber Kind, das ist doch nicht PRAKTISCH!“ bedacht wurde.)

„Und was ist mit deiner Wohnung? Also um die Post kümmern wir uns ja gerne. Hast du denn schon alles geplant?“

Natürlich nicht. Wo dachte sie hin? Die Frau kennt mich seit meiner Geburt. Ich gehörte zu den Menschen, die erst herumerzählen was sie vorhaben, damit es dann genug sozialen Druck erzeugt, das Vorhaben auch durchzuziehen. Ist ja peinlich, wenn man dann kneift. Ich plante erst, wenn mir nichts mehr anderes übrig blieb. Gerne auch auf die letzte Minute, damit mein langweiliges Leben etwas Würze durch Stress- und Panikzustände bekam.

Die Frage war also berechtigt, musste ich zugeben, denn „organisiert“ oder „strukturiert“ waren nicht unbedingt die Worte, die Menschen, die mich kannten, zuerst zu mir einfielen. Genauso wenig wie „ gelassen“ und „geduldig“ und „entscheidungsfreudig“. Ich entschied damals ab und zu zwischen Jobangeboten, in dem ich eine Münze warf.

Aber manchmal sprang ich einfach – wenn ich genug gegrübelt hatte – und der Zug mal wieder drohte, schon um die Ecke zu verschwinden. Dementsprechend ungeplant war dann das Unterfangen.

Aber ist das Leben nicht so auch viel spannender? Vor allem auch für mein Umfeld?

„Die Wohnung wird untervermietet, ich habe schon mit dem Verwalter gesprochen, das Auto abgemeldet und alles Weitere regle ich noch. Wenn ich sparsam lebe, wird das Geld sogar viel länger reichen. Ist ja allerdings schade, dass ich nur nach Lateinamerika gehe, denn in Australien kann man „work and travel“ auch machen. Das Visum bekommt man sogar für ein Jahr, aber wenn ich nur ein halbes Jahr …“

„Dann mach doch beides“, unterbrach mich mein Vater.

Verblüfftes Schweigen am Tisch. Was bei meiner Mutter etwas heißen will.

Eigentlich hat er ja Recht, dachte ich. Wenn ich doch schon mal unterwegs bin, dann kann ich statt vier Monaten auch acht machen. Mein Bruder guckte ganz neidisch. Australien, da wollte ER eigentlich immer hin.

Er fing an, begeistert aufzuzählen: „Kängurus, Ayers Rock, das Outback, das Great Barrier Reef, Tauchen.“

„The man from snowy river …“, ergänzte ich.

Ich hatte den Film vor einigen Jahren gesehen und er fiel mir wieder ein. Er spielt in den Snowy Mountains. Ein junger Cowboy muss sich nach dem Tod seines Vaters den Respekt der Älteren verdienen und das Recht, in den Bergen zu leben, indem er den „Colt von Old Regret“ aus einer Herde Wildpferde fängt. Und nebenbei das Herz einer Farmertochter für sich gewinnt. Schmalz muss sein. Wie sehr sich das für mich bewahrheiten würde, konnte ich ja noch nicht ahnen. Als begeisterte Westernreiterin hatte mich der Film jedenfalls beeindruckt.

„Da will ich hin.“

“Und ich will so viel wie möglich vom echten australischen Busch kennenlernen.”

„Kind, ich frag mich nur, von wem du die Zigeunerseele hast“, sagte meine Mutter zum Abschied. „Von mir nicht.“

Dann gewann aber wieder ihre praktische Seite die Oberhand und sie fragte:

„Hast du denn die Visa beantragt?“

„Ja.“

„Die haben doch so gefährliche Tiere im Dschungel und in Australien. Gibt es da einen Notruf?“

„Ich habe ein Handy.“

„Hast du Reiseschecks bestellt?“

„Ja.“

Hast du eine Krankenversicherung und an Impfschutz gedacht?

„Ja“

„Nimm dir Handwaschmittel mit und laufe die Trekkingschuhe vorher ein. Du wirst doch auch Reiten; nimm einen Helm mit.“

„Ja“

„Und hast du … „

„Willst du mitkommen? Ich habe sonst kein Gehirn dabei.“

„Du denkst doch nie an was“ meinte meine Gluckenmutter etwas beleidigt. „Weißt du noch als du … „

Es war Zeit die Flucht anzutreten, bevor sie mir meine schusseligen Verfehlungen der letzten dreißig Jahren auftischen konnte, bei denen sie zum Teil sogar Recht haben würde. Ich habe wirklich großartige Eltern aber das hinderte sie nicht daran, regelmäßig zu versuchen, mich in den Wahnsinn zu treiben.

Kaum zuhause angekommen, googelte ich nach Unternehmen, die Trekkingritte in Australien veranstalten und schrieb sie an. Innerhalb von einer Woche hatten mir vier geantwortet. Eines davon machte Trekkingritte in die Snowy Mountains. Ich konnte mein Glück kaum fassen und vereinbarte per E-Mail mit dem Besitzer, dort einen Tag nach Silvester anzufangen zu arbeiten. Für einen Monat.

Ich würde den kompletten Australientrip darum herumplanen müssen, aber das war mir egal. Ich buchte die Flüge, den Australienflug mit offenem Rückflugdatum.

Das riet mir die Dame im Reisebüro, denn „man könne ja nie wissen, was passiert“. Die Frau wusste gar nicht, wie Recht sie damit behalten sollte.

Das günstige „around the world ticket“, das ich eigentlich haben wollte, klappte leider nicht, da Guatemala den handelsüblichen Weltreisenden wohl zu weit abliegt.

Ich schaffte es dann fast noch mit gewohnter Schusseligkeit, Australien zu torpedieren. Mein Pass war abgelaufen und ich holte mir einen vorläufigen, um das Visum für Australien zu beantragen. Da wusste ich noch nicht, dass das auch online bei der Australischen Botschaft geht. Das war nach zehn Stunden erteilt. Auf dem Amt gab ich dann arglos der netten Dame meinen vorläufigen Pass und beantragte den neuen, da man zwei ja nicht behalten darf. Der Stempel, um ihn ungültig zu machen, schwebte schon als Damoklesschwert darüber, da setzte mein Herz kurz aus und schrie:

“HALT, auf den ist doch das Visum ausgestellt!”

Ohne weiter nachzudenken, riss ich ihr den Pass weg und der Stempel sauste auf die Schreibtischunterlage. Ich lief knallrot an, erklärte ihr das Chaos, ließ mir versichern, ich könne auch mit dem vorläufigen Pass reisen und schlich mich mit intaktem Visum und Adrenalin bis zum Anschlag aus der Passstelle. Ich glaube, ich hatte dem Begriff „in letzter Sekunde“ ganz neue Bedeutung verliehen.

Und das lag insgesamt, an ein paar interessanten Umständen …