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DO SOMETHING ELSE

2/ Freund weg, Job weg, Pferd tot.

By 3. June 20161 Guatemala
Aussteigen

Tattoos waren ja irgendwie damals noch rebellisch. Von denen hatte ich nach einem Wochenende bei Rock am Ring abgesehen, weil ich den Eindruck hatte, dass es origineller wäre, keines zu haben. Und “Arschgeweihe” gab es noch nicht. Das erspart zumindest meiner Generation irgendwann am Strand, mit lauter Siebzigjährigen konfrontiert zu sein, deren Falten werfende … Egal. Ich hatte meinen großen rebellischen Auftritt also erst noch vor mir.

Ich war schon einmal nah dran gewesen, als die Nerven nach fünf Monaten rund um die Uhr arbeiten – selbstverständlich ohne Zeitausgleich – blank lagen. Ich wollte zum Friseur, da die Hochzeit einer Freundin anstand und hatte dem Maestro einen arbeitgeberfreundlichen Termin um 19 Uhr abgerungen. Da Privatleben in der Werbebranche als grober Unfug angesehen wird, legte mein Creativ Direktor das Meeting auf 20 Uhr, um es dann zwischenzeitlich noch zweimal zu verschieben. Was mich wirklich wütend machte:

„Pass auf! Ich habe hier seit fünf Monaten, inklusive Wochenenden, durchgeackert. Ich weiß, du bist mein Chef, neu hier und du kannst das nicht wissen, aber ich werde jetzt einen halben Tag frei nehmen ab 19:30 Uhr und zum Friseur gehen.“

Woraufhin der Gute sich wertschätzend und empathisch erboste:
„Das habe ich ja noch nie erlebt. Das ist Arbeitsverweigerung, da können wir ja gleich nach Stechkarte arbeiten oder was?“

„Das fände ich super. Dann hätte ich mal Aussicht auf ein Privatleben oder einfach nur etwas Schlaf“, erwiederte ich.

Dazu fiel ihm nur ein, mir damit zu drohen, zu unserem CEO zu gehen, um sich über meine laxe Arbeitsmoral zu beschweren. Mittlerweile auf Hundertachtzig wegen der ungerechten Behandlung, empfahl ich ihm, das am besten gleich zu tun oder noch besser, mich doch einfach zu feuern.

Dauerstress verändert bekanntlich die Persönlichkeit. Ich jedenfalls kannte mich so aggressiv nicht. Irgendwas lief hier gewaltig schief.

Mit dem entsetzten Blick meines Texters im Rücken – der im Agenturjahrbuch auf die Frage, was ihn veranlasst habe, in die Werbung zu gehen, geschrieben hatte „Der Platz am Piano im Puff war schon weg“ – und tiefer Befriedigung im Herzen schnappte ich meine Tasche und rauschte zur Agentur hinaus, über den unter Glas eingelassenen Stein im Boden, den wir scherzhaft den Grabstein nannten. Denn auf ihm stand: „Von Mensch zu Mensch“. Wer das veranlasst hatte, hatte wohl nicht darüber nachgedacht, dass man da jeden Tag darüber trampeln würde. Er hatte damit aber definitiv Weitsicht bewiesen.

In Erwartung eines Eklats am kommenden Tag tippte ich mit frisch geföhnten Haaren noch am Abend meine Kündigung, die ich griffbereit vor mir liegen hatte, als Mr. Wichtig vor unserem Hasenstall auflief. Wir saßen in einem alten, ultracoolen Fabrikgebäude, das konzentrationsfreundlich in halbhohe Boxen aufgeteilt war, die sich entlang der Fenster wie Legebatterien aufreihten. Rückzugsräume gab es nicht und wie ich bei dem Lärmpegel auch nur ansatzweise kreativ sein sollte, war mir schon lange ein Rätsel. Leider hatte ich zu viel zu tun, um länger darüber nachzudenken, und es fragte ja auch niemals jemand die schlichte Frage: „Was brauchst du, um begeistert und produktiv arbeiten zu können?“

Zu meiner Überraschung entschuldigte sich Mr. Wichtig:
„Missverständnis … bla, bla, … ich habe nicht gewusst was hier los war … noch nicht lange da … bla, bla.“

Mist. Doch nicht gefeuert worden.

Offenbar hatte mir unser CEO den Rücken gestärkt. Ich blätterte etwas abwesend im Jahrbuch der Agentur. Die Frage „Warum bist du in der Werbung?“ wurden mit Sätzen wie diesen beantwortet: „Ich habe es noch nicht geschafft, zu heiraten und Kinder zu kriegen“ oder „Weil sie das Auffangnetz für Versager und Loser ist“. Scherzhaft gemeint, aber mit einem Körnchen Wahrheit, wie das ja immer so ist, wenn man Dinge wahrnimmt und fühlt. Aber bloß nicht zu viel, weil es sonst wirklich weh tun würde und man womöglich Konsequenzen ziehen müsste. Jedenfalls lief am Morgen öfter ein Texter Kollege (im eigens dafür mitgebrachten weißen Kittel) über die Flure und brüllte:”Tablettenausgabe.”

Man hatte den Eindruck, fast alle seien aus Verzweiflung oder unglücklichen Umständen in dieser Agentur gelandet. Und das konnte doch nicht sein. Wir hatten schließlich auch viel Spaß hier und viele von uns liebten den Job, hatten ihr Hobby zum Beruf gemacht, mit Begeisterung studiert und auch so in Ihren Jobs angefangen. Welches Verhalten braucht es von Vorgesetzten, um so etwas kaputt zu machen?
Zu Loyalität und dazu, hart zu arbeiten, war ich erzogen worden. Man ließ die Kollegen nun mal auch nicht im Stich. Aber warum machte ich den Wahnsinn so lange mit?

Es frustrierte, wenn man in Meetings einen ranghohen Menschen im Brustton der Überzeugung sagen hörte: “Wir in der Werbung bewegen was“ und es neben einem flüsterte: „Ja, ich mich gleich aufs Klo.“ Oder wenn eine Idee zu einem Wurst-Aufsteller, als so weltbewegend gehandelt wurde, dass der oberste Creativ Chef sie unbedingt gesehen haben musste, bevor sie das Haus verließ, weil uns selbst nicht genug Hirn zugebilligt wurde, das selbst beurteilen zu können.

Was meinen Texter dazu veranlasste, bei jedem Toilettenbesuch die Frage an mich zu richten: „Meinst Du ich kann gleich spülen oder soll ich den Häuptling noch mal drauf gucken lassen?“

Nicht alle Geschichten die ich hier erzählen könnte haben mit Toiletten zu tun aber Sie verstehen, was ich sagen will. Ich hatte mit solchem Enthusiasmus dort angefangen zu arbeiten, der in kürzester Zeit durch fehlende Wertschätzung, Konkurrenzkampf, Druck und irrsinnige Arbeitsbedingungen zunichte gemacht wurde.

Man kann also nicht sagen, dass ich noch sonderlich an meinem Job hing, als ich gefeuert wurde. Und überraschend kam es auch nicht, nachdem die Agentur in drei Jahren von einhundertzwanzig auf dreißig Mitarbeiter reduziert worden war. In der Zeit hatte ich vier Texter als Partner, wovon der letzte erfuhr, dass er gekündigt worden war, als er nicht mehr auf dem neuen Sitzplan verzeichnet war.

So übernahm die Rezession, wofür ich selbst nicht den Mut gehabt hatte.

„Wir müssen dich leider entlassen. Es hat sich jemand reingeklagt“, sagte der CEO gerade zu mir. „Du hast wirklich tolle Arbeit geleistet bis zuletzt, wenn wir dir irgendwie helfen können …“

„Irre“, dachte ich. Drei Jahre kein Lob bekommen, aber dann zur Kündigung. „Das macht Sinn.“

Ich saß also in meinem Kündigungsgespräch und wartete darauf, irgendwie emotional zu reagieren. Ich meine, ich war noch nie gefeuert worden. Man sollte doch meinen, ich würde hemmungslos in Tränen ausbrechen oder mir mein Schicksal mit zwei Flaschen Wein unter der Brücke ausmalen. Stattdessen starrte ich unserem – wirklich netten – Geschäftsführer, der mich mit mitfühlendem Blick seit fünfzehn Minuten zutextete, auf die rosa gemusterte Krawatte und fragte mich, warum jemand a) so etwas Scheußliches entwirft, und b) jemand, der in einem ästhetisch-visuellen Bereich arbeitet, so etwas tragen darf, ohne dass ER gefeuert wird.

Ich bekam erst wieder so richtig etwas mit, als das Wort „Abfindung“ fiel.

Wir hatten tatsächlich seit einem Jahr einen Betriebsrat. Die Dame, die in Vertretung der Gewerkschaft kam und die einführende Rede hielt, erntete mit dem Satz „Ich weiß nicht, wann Sie üblicherweise gehen. Um 17 Uhr?“ brüllendes Gelächter. Daran erinnerte ich mich noch. Aber der Betriebsrat kam. Gut, dass ich in einem Anfall von berechtigtem Irrsinn nicht selbst gekündigt hatte.

„Wir helfen dir auch gerne bei der Jobsuche …“

Mein Blick schweifte von der Krawatte ab und ich unterbrach ihn: „Das wird nicht nötig sein. Ich werde mit der Abfindung wohl ein Sabbatical machen. Reisen oder so. Ich meine, bevor ich in Deutschland Schweinebauch-Anzeigen für Supermarktketten mache, weil es gar keine Jobs mehr gibt, wie wir beide wissen.“

Verblüffter Blick.
„Oh ja, dann! Wo soll es denn hingehen?“

„Zentralamerika wohl – ich will Spanisch lernen“, antwortete ich mit großer Geste, aber ausweichend. (Wovon zur Hölle redete ich hier eigentlich?)

Anerkennender Blick.
„Schön. Recht hast du. Dann viel Glück!“

Ich wartete noch weitere fünf Tage auf meinen emotionalen Zusammenbruch, aber er kam nicht. Womöglich war ich mit der Trennung von meinem Freund und der Krebserkrankung in der Familie und dem Einschläfern meines Pferdes damit erst mal durch.

Da ich sonst eher sensibel bin, fragte ich mich aber ernsthaft, ob mit mir alles in Ordnung wäre, und wenn ja, was ich nun tun sollte. Ich diskutierte das bei einem Kaffee mit einer Freundin und Exkollegin. Man hatte damals keine Probleme, jemanden zu finden, der Dienstags um elf Uhr mit einem Kaffee trinken ging. Die halbe Branche wurde zur Zeit ja gerade vor die Tür gesetzt.

Die Schadensbilanz ergab: Job gekündigt (mit Abfindung), Freund gekündigt (ohne Abfindung), Pferd tot (auch ohne Abfindung).

Mein Freund, dessen Traumfrau ich gewesen war und der mir mal die Heirat angetragen hatte, verließ mich übrigens wegen eines Bettes. Da er sich in fünf Jahren immer beschwert hatte, er habe auf 1,20 m keinen Platz und ich würde ihn nachts zudem treten, hatte ich als Überraschung zum fünfjährigen Zusammensein ein 1,80 m breites Bett bestellt. Schlichtes Design, Eisen. Völlig ohne Hintergedanken. Allenfalls sexuelle.

Ich hatte eigentlich eine erfreute Reaktion erwartet. Aber nein. Mit entsetztem Blick platzte er unzusammenhängend heraus:

“Ein Ehebett ? Warum das plötzlich? Und dann willst du zusammenziehen und heiraten und Möbel kaufen und ich bin gerade erst dreißig geworden … und überhaupt stimmt nichts in meinem Leben und ich weiß ja noch gar nicht, wohin …“

„Hallo? Wieso Ehebett? Außerdem wolltest du zusammenziehen. Ich kann nichts dafür, dass gerade alle heiraten. Ich will es nicht.“

Aber ich drang gar nicht mehr durch. Der Mann gönnte sich mal eben eine vorgezogene Midlife Crisis, der ich leider zum Opfer fiel. Jedenfalls beendete ich das Ganze nach sechs Monaten Hin und Her, weil ich auf dem Zahnfleisch ging. Kein Wunder, dass einen eine Kündigung da nicht mehr schockt. Job weg, Freund weg, Pferd tot. Es gab nichts mehr, was mich hier noch hielt und ich dachte ernsthaft darüber nach, ob das Schicksal mir gerade mit aller Macht in den Hintern trat, damit ich endlich mal die Abfahrt von der Autobahn nahm. Aussteigen wollte ich doch immer schon mal. Worauf wartete ich eigentlich noch?

Blieb nur noch das Problem: Wohin und was tun? Nur reisen war mir nicht genug.

Also setzte ich mich mit geschlossenen Augen hin, ließ die Gedanken schweifen, zu meinem Job, vergangenen Urlauben, Dingen, die mich begeistert hatten, Ideen, die kurz aufgeflackert waren, in Herz und Kopf aber vom Alltag sofort verdrängt worden waren. Und wartete auf eine Eingebung.