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DO SOMETHING ELSE

1/ Es war einmal vor dreizehn Jahren …

By 1. June 20161 Guatemala
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„Erschreckender Gedanke“, dachte ich, als ich langsam das Telefon sinken ließ, an dessen anderem Ende gerade jemand von der Leukämie Stiftung gewesen war, der mir mitgeteilt hatte, dass ich eventuell als lebensrettende Spenderin in Frage käme.

„Um das genau festzustellen, brauchen wir noch eine Blutprobe von Ihnen. Wären Sie denn dazu bereit, das Knochenmark zu spenden?“, hatte mich der nette junge Mann gefragt.

„Ja, selbstverständlich“ hatte ich prompt geantwortet und gedacht: „Wow, ich kann ein Leben retten“.
„Wie hoch sind die Chancen, dass ich dieser Person das Leben retten kann, wenn Sie noch Tests machen?“

„Vier Prozent.“

Nur vier Prozent. Da draußen war jemand, dessen Leben eine vierprozentige Chance hatte, weiter zu gehen. Und das hing von mir ab. Von mir, die ihr Leben gerade hasste. Okay, nicht gerade hasste, aber die alles andere als glücklich damit war. Ich schämte mich und dann war er da der Gedanke:

„Dann hat mein Leben endlich einen Sinn!“

Ein Gedanke, der erschreckt, vor allem, wenn man ihn mit knapp dreißig hat. Mich beschlich langsam das Gefühl, dass mir jemand sehr nachdrücklich etwas sagen wollte. Vor wenigen Tagen erst, war jemand der mir sehr, sehr nahe stand, an Krebs erkrankt. Alles an mir weigerte sich, das als bedrohliche Tatsache zu akzeptieren. Das taten wir beide nicht und machten Witze darüber. Es gab nur eine Option: Heilung. Daran glaubte ich fest, und die Chancen standen auch gut.

„Wir sind alle eins. Wir sind mit allem und alles ist mit uns über Energie verbunden und mit dem Universum. Alles, was wir aussenden, kommt zu uns zurück.“ Das hatte ich irgendwo gelesen. Ein Physiker fiel mir wieder ein, den ich kürzlich über die Mitfahrgelegenheit nach München mitgenommen hatte und der mir erzählt hatte:

„Wir können das Leben physikalisch, mechanisch und chemisch erklären, aber das, was es in der Summe antreibt, das wissen wir nicht. Ich bin nicht gläubig, aber es muss eine höhere Energie geben, die alles bewegt und zusammen hält.“

Das erschien mir einleuchtend.

„Vielleicht kann ich dann sogar zwei Leben retten, wenn ich spende. Indem ich jemand anderem helfe, wird die gute Energie weitergegeben und kommt wieder bei meiner Familie an“, grübelte ich weiter. Das Thema beschäftigte mich an diesem Tag noch länger.

Sie fragen sich jetzt vermutlich welchen Grund ich hatte, mein Leben mies zu finden und unglücklich zu sein. Mir ging es ja objektiv gesehen gut. Ich hatte Familie, Freunde, einen Job, eine schöne Wohnung, Hobbys, ich sah gut aus, war jung und gesund. Trotzdem war schon lange nichts mehr richtig in Ordnung. Aber irgendwie denkt man ja immer, das wäre normal. Man ist zehn Stunden am Tag von Menschen umgeben, die auch oft frustriert sind, unter einer dünnen Schicht Fröhlichkeit. Deren negative Gedanken die eigenen Gedanken noch negativer werden lassen. Und die eigenen infizieren dann wieder andere mit Negativität. Und man merkt das noch nicht mal. Man fühlt, dass etwas nicht stimmt, aber man versteht nicht, woran das liegt. Man hält den Zustand sogar für normal.

Man ist eben für kurze Momente glücklich, wenn etwas Schönes passiert. Dass man auch grundsätzlich glücklich sein kann, wenn nichts Schlimmes passiert; diese Erkenntnis wartete noch zehn Jahre auf mich.

Ich weiß nicht genau, wann mich zum ersten Mal das Gefühl beschlich, dass ich seit dem Abitur und dem Studium auf einer schnurgeraden Straße unterwegs war. Ich arbeitete als Art Director in einer Werbeagentur permanent Überstunden und würde ein Hybrid aus Hausfrau und Karrierefrau – vielleicht sogar Mutter, obwohl sich da so gar kein Wunsch einstellte – sein; auf dieser Autobahn, von der es keine Abfahrt gab. Und irgendwann völlig ausgebrannt. Privat war ich mal mehr, mal weniger mit meiner großen Liebe glücklich, mit der ich sogar alt werden wollte. Wenn er nicht gerade von Heirat und Kindern sprach, was bei mir reflexartig den Gedanken auslöste: „Und das soll dann alles gewesen sein? Heiraten und Kinder kriegen?“ Ein Gedanke, für den ich mich sofort schämte denn ich liebte ihn ja sehr und schließlich wollten das doch alle in meinem Umfeld. Was stimmte mit mir nicht, dass ich das nicht wollte? „Auch da bist du wieder der Außenseiterin,“ dachte ich. „Irgendwie passt du nirgendwo richtig rein. Aber wo ist dann dein Platz und wer konkret, bist du?“ Ein Gedanke, den ich ganz schnell wieder weg schob. Wer weiß, was da alles aus dem Schrank fallen würde, wenn ich mich damit erstmal näher beschäftigte.

Ich hatte immer das diffuse Gefühl gehabt, es müsse doch noch mehr kommen in den nächsten sechzig Jahren. Vor allem, wenn ich wieder einmal in der Agentur in einem dieser endlosen Meetings saß, in denen ich mir ausrechnete, dass ich bei der 70-Stunden-Woche, die ich wieder runterschrubbte, bei McDonalds an der Theke, mehr verdienen würde.

Machmal hatte ich Visionen davon, mit einer Kalaschnikow in der Hand, brüllend um mich zu ballern. Irgendwie brachten diese Meetings ohnehin nichts. Hier wurde nicht zugehört, um zu verstehen, sondern um zu antworten. Und das Zuhören klappt ja auch nicht wenn wir mal ehrlich sind, weil jeder schon im Kopf mit dem beschäftigt ist was er gleich selbst sagen wird.

Die weniger gewalttätige Version war, einfach aufzustehen, in die Runde zu blicken und kühl zu sagen. „Macht euren Kram doch alleine“, um dann unter den bewundernden Blicken meiner mit leidenden Kollegen den Raum zu verlassen, ­­die Koffer zu packen und weit weg abzuhauen.

Aber wer macht schon so was? Niemand den ich kannte. Dabei hatte ich es einfach satt stromlinienförmig mit zuschwimmen, wie ein Lemming zu tun, was alle taten, und mich zu verhalten, wie es von mir erwartet wurde.

Ich hatte es ja noch nicht mal geschafft, ein rebellischer Teenager zu sein. Ich habe nie so viel getrunken, dass mir der Magen ausgepumpt werden musste, hatte nie einen grünrosa Irokesenschnitt (in den 80ern war das noch provokativ), wurde nicht mit sechzehn schwanger und habe nie geraucht oder Drogen genommen, weil ich das erste armselig (man will eben verzweifelt dazugehören und cool sein) und das zweite kostspielig fand, und es hasste, von irgendwem oder irgendwas kontrolliert zu werden.

Gut – mal abgesehen von den Space-Keksen die ich mal probiert hatte. Nach dem dritten bildete ich mir ein, die Borg – Enterprise Fans wissen, von wem ich rede – assimilierten die Erdbevölkerung und mein Freund wäre einer von ihnen. Nach dem Erlebnis kam ich zur Überzeugung, Drogenerfahrungen seien definitiv überbewertet und beschloss das Zeug nie wieder anzufassen Und das nach einer Kindheit in den Siebzigern in Kalifornien. Aber was willst du machen, bei konservativen deutschen Mittelstandseltern, die dir nicht so richtig Grund zur Rebellion liefern wollten?